1368km über den Alpenbogen


x_seeyou_flugweg Freitag der 26. August 2011, in den Alpen bläst der Südföhn mit gut 45-70km/h aus 190 Grad. Das bedeutet Hangflugwetter in den Ostalpen. Ohhhh nein, nicht nur in den Ostalpen! In einem kleinen französischen Dorf in den Seealpen ist ein ASH 25 Pilot zu faul für die Heimreise abzurüsten … :biggrin:

Also die Geschichte fängt eigentlich am Vortag an, nach wunderbaren Tagen in Serres [quovadis-aero.com] wollte ich mich Donnerstag nach dem Briefing von Klaus Ohlmann verabschieden, nachmittags abrüsten und Freitag heimfahren. “Klaus, ich möchte mich verabschieden, ich fahre morgen heim nach Wiener Neustadt.” – “Christian, dann sehen wir uns abends in Österreich, ernsthaft, schau dir mal das Wetter an, ich hab da eine Idee …”

Das Wetter

wetter_met Am Satellitenbild ist schon drei Tage eine mächtige Wolkenspirale zu sehen und die schiebt langsam aber doch, eine heftige Front gegen den Alpenbogen. Das “Deppenwetter” spricht schon zwei Tage vom aufkommenden Föhn in Österreich, in Südfrankreich konnte man Mittwoch und Donnerstag schon leichte Südwelle ausfliegen und ab Freitagnachmittag sind heftige Unwetter angesagt.

Für die Ostalpen ist klassischer Südföhn angesagt, ganz im Osten anfangs noch schwächer und ab dem Vormittag soll er voll durchgreifen. Die übliche Staubewölkung von den französischen Seealpen bis Osttirol soll erst im Laufe des Tages und eher trocken durchgreifen.

Die Idee und Planung

die_vorbereitung_2 Frühstart bei Sonnenaufgang, in der Welle in die Schweiz und möglichst weit übers Wallis hinaus, ab dem Arlberg in den Hangwind, dann die österreichische Südwindrennstrecke möglichst bis Sonnenuntergang ausfliegen. Klaus möchte abends möglich weit nach Westen, muss einen Tag in der Front absitzen und Sonntag heim nach Serres. Für mich plane ich als Endziel am Abend “nur” heim nach Wiener Neustadt zu kommen.

Daraufhin sind wir mehr als fünf Stunden am Computer gehockt, haben Wetter und Karten studiert, Flugwege diskutiert und Flugaufgaben überlegt. Klaus hat mir den möglichen Weg über Mt.Rosa, den Furka oder doch Schänis nach Österreich erklärt und ich konnte ihm mit Beispielen die Südwindrennstrecke zeigen. 150km/h Schnitt sollte man erreichen können, am Weg in die Schweiz hilft mit 80 km/h der Rückenwind. Auf jeden Fall sollte es aber bis zur Rax kurz vor Wiener Neustadt gehen, um möglichst viel von der Hangflugstrecke kennenzulernen. (Die am Schluss nebenbei angesagten 2000km, zeigen mir die unglaubliche Vorstellungskraft, mit der Klaus zu seinen Rekorden kommt!)

Die Teams und Vorbereitungen

nochmal_wetter_checken_4 Am späten Nachmittag war dann richtig Arbeiten angesagt. Zeugs zusammenräumen, Zelte abbauen, alles einräumen, Flieger tanken, Sauerstoff zur Sicherheit vollfüllen, usw. Aber was muss alles in den Flieger, was ziehe ich an? Das ist nicht die eitle Frage vor der abendlichen Verabredung, sondern die knifflige Entscheidung zwischen Kalt und Warm! Klar die streckenflug.at Überschuhe, dicke Socken, in der Früh wird es in vier- bis sechstausend Meter ganz schön cooool werden. Nachmittags wird es am Hang um die zweitausend Meter im August eher seeeehr warm, Pullover rein, wieder raus, doch eine Weste über alles drüber, …

Dann der Spruch des Tages: “Das habe ich noch nie gesehen, Klaus wäscht die Stemme, ich glaube er meint es ernst!?”

Mit Christoph Ritter hat sich Klaus einen geeichten Co-Piloten für die Stemme organisiert. Unsere Urlaubertruppe war zu klein und so hat sich Stephan Haupt geopfert, um mit meinem Anhängergespann heimzufahren (DANKE!!!). Jetzt wird er mir wohl bis an mein Lebensende vorhalten, in wie vielen Staus er bis drei Uhr morgens rumgestanden ist! :biggrin: Mein sehr stummer Begleiter am Rücksitz war dann der Spornkuller und ein Abschleppseil, die ASH25 ist ohne ja nicht gerade leicht am Boden zu handeln.

Tagwache

dunkles_aufbauen_2 Die Nacht konnte ich nicht wirklich gut schlafen, mir gehen vor so einer Geschichte einfach zu viele Gedanken durch den Kopf und so war es nur ein mehr oder weniger erholsamer Halbschlaf. Irmi und Markus haben uns mangels schon eingepackten Zeltes für die letzte Nacht erlaubt im Vorzimmer ihres Chalets zu übernachten (DANKE!!!). Um 4:45 war für alle Tagwache, stockdunkel bringt die frische Luft Leben in den Körper.

Eine Erfahrung von vorhergegangenen Frühstarts, im Dunklen dauert jeder Handgriff doppelt so lange. Obwohl wir alles gut vorbereitet hatten, dauert dann die eher kurz gehaltene Morgentoilette (flieg ja eh alleine :cwy: ), das Ausziehen und das Aufstellen vom Flieger noch gut eine Stunde.

Man merkt deutlich die Routine von Klaus, um 6 Uhr kommt er an, die Stemme raus aus der Halle, schnell noch mal zum Internet das Wetter nachchecken und nach dem Hinweis zur schon aufgehenden Sonne von Stephan, geht es los zu den Fliegern. Die Stemme von Klaus ist randvoll mit Zeugs, nur Christoph sitzt noch nicht drin! Keine Ahnung wie er noch Platz gefunden hat, aber auch er wurde noch “reingestopft”, hmmm.

:wienoch:

Der Start

start_ash25_2 Problematisch wie immer um so eine Tageszeit, die Haube läuft Innen und Außen stark an. Robert hat es auch aus den Federn geschafft und versucht mir bis zur letzten Sekunde Sicht zu verschaffen. Am Boden geht noch kein Wind und so ist der Start Richtung Norden kein Problem. Um 6:35 (loc) gebe ich Vollgas.

Wie geplant geht es mit Motorhilfe in den Rotorbereich hinter den Pic de Bure, keine gute Idee. Ab ins Luv, wo inzwischen auch Klaus angekommen ist. Ein wenig basteln war schon notwendig, aber wir kommen doch recht gut auf 3500m und können Richtung Écrins abfliegen. Die Bewölkung ist deutlich stärker als erwartet und die Sicht ist noch sehr schlecht. Obwohl Klaus nur einen Kilometer vor mir fliegt, übersehe ich wie er leicht links abbiegt und schon sind wir getrennt, bevor der Flug richtig losgeht.

Frankreich – Italien

Beim Valgaudemar habe ich mehr Glück als Klaus und finde einen brauchbaren Welleneinstieg und komme damit rasch auf 5000m. So kann ich schon mal Richtung Mt. Blanc abfliegen. Auf der Höhe von Albertville habe ich dann die erste Welle mit kurzzeitig 5m/s, es geht mit dem Rückenwind endlich gut voran.

In der Sonne wird es Zeit auf die Sonnenbrille zu wechseln. Da muss ich feststellen, dass einer der Nasenbügel fehlt. Das ganze Cockpit so weit überhaupt möglich durchsucht, aber es wird ein heller Tag werden, mit Astigmatismus muss eine optische Brille schon gerade vor den Augen sitzen. :cwy: Diese Sonnenbrille wird dafür noch einige male durch Cockpit schweben.

Im französischen Alpen sind mit beinahe 8/8 fest zugestaut, auch das Aostatal und so bleibt nur der Ausweg über den kleinen und großen St. Bernhard am Mt. Blanc bei 7/8 vorbei an den Wolken unter die Basis ins Wallis zu springen, ohne zu wissen wie stark die Bewölkung dort ist. Da die für mich große Überraschung, um 9:30 ist das Wallis im westlichen Bereich fast strahleblau mit nur einzelnen Cumuli.

Schweiz

Auf der nördlichen Talseite sehe ich einige Rotorwolken und entscheide mich westlich um Sion rumzufliegen und dann die Hänge Richtung Osten zu nutzen. Klaus ist gut 30 km hinter mir und bleibt auf der Südseite. Funktioniert haben beide Seiten nicht besonders, durch den kürzeren Weg sind wir dann beim Aletschgletscher wieder fast gleich auf.

Nach einigen Rotorwolken wird es wieder laminar und es geht weiter zum Furkapass. Die Wolken werden aber immer dichter und kurz vor dem Pass im Regen ist klar, dass es kein Durchkommen gibt. Laut Wettervorhersage sollte es hier heute deutlich trockener sein, somit geht es wieder retour Richtung Westen, mit dem Plan nördlich im Lee voranzukommen.

Turbulenzen

Klaus schafft es gekonnt nördlich ins Rotorniveau einzufliegen, ich tauche leider ins Hangniveau ab. Mehr als eine Stunde kämpfe ich mit den sogenannten Naturgewalten, mehrmals stellt es den Flieger auf und ich werde böse rumgestoßen, Vario im Anschlag rauf und gleich wieder runter, die Fahrt geht zwischen 80 und 160 rauf und runter, die Klappen entriegeln sich gleich zweimal. Das Bordbuch fliegt mir vom Gepäckfach, über den Rücksitz an den Kopf. An einen Hang ran zufliegen war einfach undenkbar. Mir war aber klar, ich muss hier durch oder ich lasse mich Richtung Nord “rausblasen” und nehme den Flugplatz unter mir zum Landen. Es war dann der Moment wo ich geschlaucht aufgeben wollte, auf einem der schon vorher geplanten Fluchtwege gibt es eine kleine Chance und noch einen Versuch. Endlich ist da ein fliegbarer Weg in die Welle, der Knackpunkt des Tages. (Die Lehre für mich, wenn ich einsitzig fliege, nicht zweimal, sondern mehrmals überlegen was wo im Flieger rumfliegen kann!!!)

Österreich

Mit Wellen um die 4-5m/s und einem Spitzenwert von 7,1m/s geht es endlich wieder flott voran und ab nach Österreich. Ab dem Arlberg kenne ich mich endlich wieder richtig gut aus. Der Turm in Innsbruck macht einem das Leben heute besonders einfach und nur wenige Worte sind notwendig. Wie erwartet wird es im Hangniveau nun warm im Cockpit und ich wünschte mir den verdammten Pullover vom Leib. Alle Mützen, Handschuhe, Tücher  und die Weste verschiebe ich irgendwie hinter mich, eine große weiche Kopfstütze entsteht.

Klaus ist inzwischen gut 100km vor mir. Am Funk sind nun Hermann Trimmel, WO, Werner Amann und diverse andere Hangflugfanatiker zu hören. Heinz Eibel und Herbert Ziegerhofer geben erste Hang- und Windinfos zum östlichen Bereich. Die Wr. Neustädter hatten morgens beim Frühstart Probleme mit Nebel. Martin Schima musste mit seiner Libelle nach gut 80 km ins Turnauer Becken abtauchen, wo leider noch kein Wind durchgekommen ist, schade.

1. Wende – Rax

Ab dem Arlberg war die übliche Hangflugroute also keine Problem mehr und die geplanten 150km/h Schnitt endlich Realität. Wilder Kaiser, Hochkönig, Dachstein, Grimming und durchs Gesäuse, um 16Uhr nach 1000km die erste Wende an der Rax, schon neun Stunden unterwegs, nicht weit weg vom Heimatflugplatz, nach drei Wochen Zelt mein Bett schon fast vor Augen und die Chance endlich aus dem verdammten Pullover rauszukommen. Die Verlockung war schon verdammt groß, einfach heimzugleiten.

Zur richtigen Zeit ein Funkspruch von Klaus: “Christian, wie fliegst du nach Westen weiter?” und ich war wieder bei der Sache. Er war inzwischen auch um die Rax und anschließend ins Turnauer Becken reingefallen, dort war noch immer kein Wind und er musste mit schwacher Thermik wieder Anschluss suchen. Also war ich wieder über Veitsch, Hochschwab, durchs Gesäuse, Buchstein, Weißenbacher Wände auf Westkurs. Immer darauf bedacht in diesem Bereich knapp über der Hangkante zu bleiben, der Wind war hier doch um gut 20km/h schwächer geworden.

2. Wende – Dachstein

WO meldet 4-5m/s am Dachstein im Hang, am Oudie zeigt das SeeYou Mobile inzwischen eine geflogene optimierte Strecke von 1200km und es wird 18 Uhr. Der ursprüngliche Zeitplan ist schon lange geplatzt, das Kopfrechnen wird zur Mega-Denkaufgabe, was geht sich noch aus, wie weit noch, um 20:30 ist Schluss, welche Sicherheit nehme ich mit. Soweit bin ich jetzt schon noch nie geflogen, habe den gesamten Alpenbogen hinter mich gebracht. Es ist einfach genug für heute und möchte die restlichen 180km nur noch gemütlich heimbringen.

An Stephan im Auto das letzte SMS das es nun wirklich Wr. Neustadt wird. Ein SMS an meine Eltern ob sie mir vielleicht am Flugplatz helfen können und mangels Auto heimbringen werden. Der Heimflug war einfach und nur noch angenehmes dahingleiten. Umso freudiger, als mich meine Mutter über Funk als Betriebsleiterin in Empfang nimmt und ich um 19 Uhr lande.

:welle:

Eineinhalb Stunden vor Sonnenuntergang gelandet, mehr als eine Stunde in der Schweiz rumgesucht, etwas mehr Wind im Osten und man hätte – blablabla … was wäre noch alles drin gewesen!? Sind die 2000km in den Alpen nicht doch noch zu knacken, hmmm?

Kempten, Klaus und mehr

Klaus konnte sein Wunschziel Hohenems aus Zeitgründen nicht mehr erreichen, ist vorzeitig nach Kempten abgebogen und so auf 1326km gekommen. Ohne seine Idee und Motivation wäre ich nie zu so einem atemberaubenden Erlebnis gekommen, DANKE Klaus!!! [OLC]

Zehn Flüge über 1000km hat es gegeben. Den längsten Flug hatte Werner Amann mit 1560km hingelegt (GRATULIERE!!!) und leider sein Ziel die 1000Meilen (1600km) knapp verpasst! [sis-at]


Mein Flug

  • Startzeit: 06:37 (Beginn Segelflug 7:00)
  • Landezeit: 19:06
  • Distanz sis-at: 1368 km
  • Distanz Zielflug: 867 km
  • Kurbelanteil: 7%
  • Größter Fallwert: > 18 m/s
  • [sis-at] Einreichung

Nachsatz

Glücksmomente: Noch immer nicht ganz erfasst wo ich an dem Tag nicht überall war, finde ich im Cockpit den fehlenden Nasenbügel meiner Sonnenbrille und denke es ist doch ein kaum zu überbietender Tag.

Ein Moment nachzudenken: Später erfahre ich vom Absturz in Kärnten, an dem wohl der turbulente Hangwind schuld war und denke nochmal über die diversen Situationen von meinem Flug nach. Waren alle Entscheidungen ok, wie weit bin ich diesmal gegangen? Die ASH 25 ist sicher nicht das ideale Flugzeug fürs Hangfliegen und ich fliege nicht nur deshalb mit deutlich mehr Respektabstand vom Berg als früher mit dem Ventus2b. Meine Erkenntnis nach vielen tollen Flügen, es geht auch mit mehr Abstand, es geht weit und ist deutlich entspannter! Bei einem Briefing hat Klaus gesagt: “Ich setze die Höhen für die Querungen mit den Jahren immer Höher an, vielleicht liegt es am Alter, vielleicht auch nur an den Erfahrungen …”

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